Essay: Der Hipster – ein Versuch zu verstehen

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Die Studentin Stefanie Schidlowski sucht in ihrem essayistischen Text nach Antworten auf die unzähligen Fragen zum Phänomen des „Hipster“. Wir möchten euch einen Auszug präsentieren und erhoffen uns eine lebhafte Diskussion. Viel Spaß!

Vorwort

Dieser Hipster. Das Hipstertum. Ein subkulturelles globales Phänomen, welches sich weder über aktive Handlungen noch über sozialen Status definieren lässt. Er orientiert sich sowohl an der subkulturellen Rebellion als auch an der Elite und reißt dadurch eine Kluft zwischen diesen Sphären auf, die Hipster-Anhänger wie auch Hipster-Missbilliger umhüllt. Er zeigt auch, was mit der weißen, elitären Mittelschicht im Alltag passieren kann, wenn sie ihre ach so kontroverse und mutige Rebellion nur noch in Bereichen austrägt, die ihr eigenes Vergnügen und ihren Komfort betreffen. Anstatt sich zu fragen, welche Schnittstellen es zwischen ihrer Stil-Rebellion und jener echten sozialen Konfrontation, die jeden Menschen, der Autorität misstrauisch gegenübersteht, zum Engagement verpflichtet, gibt. Mit dem Aufkommen der jetzigen Hipster-Generation trat die Hipster-Antipathie als Echtzeit-Nebenwirkung in den Raum. Ihrer Ansicht nach sitzen die Anhänger des Hipstertums in einer Bevölkerungsgruppe fest, die nicht vorankommt. Versager, die stellvertretend für das allgemeine Scheitern der jungen Gesellschaft stehen. Nihilisten, die keine Werte kennen außer dem Vergnügen, die an nichts glauben und kein Ziel verfolgen. Leider entgeht der Anti-Hipster-Bewegung vor lauter Vorurteilen die andere Seite der Jugendbewegung. Auf der anderen Seite findet man nämlich mehrheitlich Jugendliche, welche einen professionellen und sicheren Arbeitsplatz haben, welche die Karriereleiter hinauf kraxeln und trotzdem mit den Hipstern in einem Haus wohnen, den gleichen Kleidungsstil, die gleiche Lebensweise und die gleiche Frisur haben. Eben eine verantwortungsvolle, ehrenwerte, hart arbeitende und zugleich sich selbst individualisierende Person mit einem etwas anderen Kleidungsstil.

Der Hipster: Ein Versuch zu verstehen
Der Hipster: Ein Versuch zu verstehen

In welchem Bezug man auch immer zu diesem Phänomen steht und welche Sichtweise man auch hegt, es sollte trotz allem der Versuch gelingen, einen Schritt zurück zu treten, seine Vorurteile abzulegen und sich zu fragen: Was ist er denn jetzt eigentlich? Was zeichnet ihn aus und wieso ist er so, wie er ist? In welchem Ausmaß ist das Hipstertum der Versuch junger Leute, sich in einer postkolonialen Welt zu orientieren? Welcher Ästhetik gehen sie nach? Und vor allem der Versuch zur Erklärung, wieso der Hipster permanent stirbt und wiedergeboren wird? Diese Fragen werde ich im Verlauf des Essays versuchen zu beantworten. Durch das Wort der Welt habe ich ein Essay zusammengestellt, welches versucht, den Hipster zu durchleuchten, neue Sichtweisen aufzuzeigen, nur um diese dann allerdings wieder zu verwerfen.

Das Verstehen der Zusammenhänge

Die Bezeichnung „Hipster“ kommt ursprünglich aus der Tiefe der amerikanischen Geschichte und bezeichnete eine frühere, relevante Subkultur. Die schwarze Jugendbewegung der 40er und 50er Jahre. „Hep“, der Vorgänger des „hip“, war in dieser Zeit ein Ausdruck der afro-amerikanischen Jazz-Szene. Er umschrieb das damalige Lebensgefühl und die Einstellung der Schwarzen, welche mit der improvisierten Jazz-Musik einhergingen – wild, bedrohlich, grell. Hip waren nur diejenigen, die im Stande waren, den Jazz zu verstehen – in seiner körperlichen, geistigen und intuitiven Bewegung. Sie besaßen ein privilegiertes Wissen. Deshalb brauchten außenstehende Nicht-Musiker lange, um als hip zu gelten. Eine mögliche Bezeichnung jener ist der Hip-Intellektuelle. Er versucht das Stilgefühl dieser Menschen einzufangen und für seine eigene Garderobe zu übersetzen. Was nur bedeuten kann, dass all die heutigen sogenannten Hipster – egal ob auf optischer oder verhaltenstechnischer Basis – intellektuelle Hipster sind. Somit würde streng genommen keiner von ihnen seine Individualität feiern, sondern nur durch das Abkupfern alter Stilelemente und Einstellungen diese nachbauen.


»Our search for the rebels of the generation led us to the hipster. The hipster is an enfant terrible turned inside out. In character with his time, he is trying to get back at the conformists by lying low (…) You can’t interview a hipster because his main goal is to keep out of a society which, he thinks, is trying to make everyone over in its own image. He takes marijuana because it supplies him with experiences that can’t be shared with “squares” (…) The hipster may be a jazz musician; he is rarely an artist, almost never a writer. He may earn his living as a petty criminal, a hobo, a carnival roustabout or a freelance moving man in Greenwich Village, but some hipsters have found a safe refuge in the upper income brackets as television comics or movie actors. (The late James Dean, for one, was a hipster hero.) (…) It is tempting to describe the hipster in psychiatric terms as infantile, but the style of his infantilism is a sign of the times (…) As the only extreme nonconformist of his generation, he exercises a powerful if underground appeal for conformists, through newspaper accounts of his delinquencies, his structureless jazz, and his emotive grunt words.«


„Born 1930: The Unlost Generation”
by Caroline Bird Harper’s Bazaar, Feb. 1957

Einer der Gründe für die damalige Explosion des hippen Jazz-Undergrounds war der Zweite Weltkrieg.
 Dieser spiegelt den menschlichen Zustand wieder, welcher diejenigen verblendet, die hineinschauen. Unaussprechliche, abscheuliche und abartige Ereignisse geschahen, mit denen sich der eine oder andere nicht identifizieren konnte. Der Eine konnte den Mut des Individualismus unterstützen, mit eigener Stimme reden, während zugleich ein Anderer, zufrieden mit sich selbst als ein Teil der Gesellschaft, das Leben akzeptierte und zugleich dessen Schattenseiten ignorierte oder gar billigte. Da die Allgemeinheit nie den Mut gefunden hatte, sich ohne Stütze gegen etwas aufzulehnen, ist es nicht verwunderlich, dass dies die Jahre der Angepasstheit und somit der Depression waren. Die einzige Tapferkeit, von der die Gesellschaft Zeuge werden durfte – mit wenig Zustimmung selbstverständlich –  war die der isolierten Menschen. Der Farbigen und Aussätzigen. Es war aus Sicht der konform Lebenden eine düstere Szene. Die amerikanischen Existentialisten – die Hipster – Männer, die wussten, dass das Folgen eines Zustandes, welcher gefüllt war mit dem Tod unzähliger Menschen, falsch ist, mussten sich zwangsweise die Frage stellen, ob sie mit einer solchen Gesellschaft leben wollten. Wieso die einzige Antwort ihres Lebens das Akzeptieren des taktisch geplanten Todes wäre. Die unabdingbare Entscheidung war demnach die Scheidung ihrerseits von der Gesellschaft und ihren Normen, Werten und Handlungen. Die schwarze Subkultur des Hipsters schuf sich somit eine eigene Welt mit eigener Musik und eigenem Kleidungsstil. Nur so war es ihnen möglich, sich von der angesehenen weißen Gesellschaft abzugrenzen.
 In den Fünfzigerjahren jedoch etablierte sich der Ausdruck Hipster als Typus, der alles begriff und über alles Bescheid wusste, auch in der Öffentlichkeit. Eine Persönlichkeit, welche frei von den konventionellen Ansichten war und Informationen anders miteinander verknüpfen vermochte und so den Anschein erwecken konnte, alles zu wissen. Doch an Stelle des geistesgegenwärtigen Insiders trat schon damals der Vorwurf der Oberflächlichkeit, des Hedonismus und der Infantilität auf. Auslöser dieser Kritik war der umstrittene Essay „The White Negro“ von Norman Mailer, erschienen 1957. Er schreibt darin, wie sich eine Zahl junger weißer Amerikaner die Lebensweise des schwarzen Hipsters zu eigen machte. Es tauchte eine neue Sorte des Abenteuers auf, ein städtisches Abenteuer, das sich nachts zu erkennen gab. Die jungen weißen Amerikaner waren auf der Suche nach Aktion. Diese Hipster, welche auch „White Negroes“ genannt wurden, absorbierten alle für sie wichtigen Erscheinungsmerkmale des „Negro” und projizierten diese auf sich. Der Negro rutschte in eine Position, welche all die bisher unerschütterlichen moralischen Fragen des gesellschaftlichen Lebens hinterfragte und missbilligte. Klar, denn die Eltern dieser rebellierenden Jugendlichen sahen eine Gefahr in den Vorbildern ihrer Kinder. Vom Kleidungsstil, der Musik, bis zu der Ausdrucksweise der Schwarzen, sie adaptierten alles. Der Hipster hatte seine Hautfarbe verloren und war nun weiß. Der neu geborene Hipster gehörte nun aus ihrer Sicht zu den hippen, coolen Eliten der Gesellschaft. Sie glaubten das a-priori-Wissen erlangt zu haben, welches ihnen die absolute Hippness zu verliehen schien. Nahezu zeitgleich entwickelte sich eine weitere sehr kleine Außenseiter-Gesellschaft, deren wahrer Kern aus gerade einmal einer Hand voll Visionären und Dichtern bestand: Die Beat-Generation.

Der Hipster: Ein Versuch zu verstehen
Der Hipster: Ein Versuch zu verstehen

Zentral für den weltanschaulichen Grundton des Beats war ein Modell der Ununterscheidbarkeit von Leben und Kunst, also die Idee der radikalen Authentizität und damit die romantische Vorstellung, dass nur ein gefährliches Leben ein freies sowie künstlerisch produktives sein könnte. Viele junge Menschen konnten sich nach dem Muster der Beat-Mythologie eine neue Identität erarbeiten und ein Gefühl der Weite spüren, das im Gegensatz zur kleinbürgerlichen Enge ihrer Elternhäuser stand. Die Ästhetik der Spontaneität und das Aufbrechen der Kontinuität – beides stellen Kernstücke des Beat-Erbes dar. Das Wichtig nehmen des Unerwarteten wertete alles Periphere und Belanglose auf. Für die Texte der Popmusik von Bob Dylan bis zu R.E.M. hatte das eine nicht zu unterschätzende Befreiungswirkung. Vor allem das Werk von William S. Burroughs erscheint als großer Strom des Fragmentarischen und Unschematischen: „Die endgültige Form von „Naked Lunch“ und die Anordnung der einzelnen Abschnitte ergaben sich aus der Reihenfolge, in der das Material – zufällig – zum Drucker gelangte.“ Denkt man an heutige Musikstudio-Praktiken wie Mixen, Remixen und Sampling, dann hat sich die Bereitschaft zur permanenten Zerlegung und Neuzusammensetzung des Materials durchgesetzt. Parallelen finden sich auch in der Kunst-, Politik- und Modewelt. In jeder Form unseres Lebens hat sich der immer wiederkehrende und niemals endende Remix eingeschlichen. Es scheint fast so, als würde ein Quasi-Stillstand existieren.Wird darauf Bezug nehmend der Kleidungsstil des heutigen Hipsters unter die Lupe genommen, so ist ein „geplanter Zufall“ festzustellen. Mann könnte von einer Inszenierung des Zufalls sprechen. Eines geplanten Zufalls.

Fortsetzung folgt!