Interview: Verständnis für die Wichtigkeit von Mode mit Prof. Dr. Michael Braungart

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»Die Textilindustrie verwendet ein Drittel aller Chemikalien, die überhaupt in unserer Welt verwendet werden.«

Prof. Dr. Michael Braungart ist Mitbegründer und wissenschaftlicher Leiter der McDonough Braungart Design Chemistry, des Hamburger Umweltinstituts, Leiter von Braungart Consulting in Hamburg und Gründer sowie Geschäftsführer von EPEA, einem internationalen Umweltforschungs- und Beratungsinstitut in Hamburg.
Ist es möglich, ein neues Gefühl für den Umgang unserer Ressourcen zu bekommen und irgendwann in einer Welt ohne Abfall zu leben? Das Cradle to Cradle-Prinzip, entwickelt von Prof. Dr. Michael Braungart und William McDonough, lässt darauf hoffen.

Prof. Dr. Michael Braungart
Prof. Dr. Michael Braungart

Cradle to Cradle steht für kontinuierliche Materialkreisläufe und positiv definierte Materialien, die für Mensch und Umwelt gesund sind. Die Cradle to Cradle-Denkschule steht für eine bestimmte Art und Perspektive, um Lösungen für heutige Probleme zu entwickeln. (c2c-ev.de)

Männerland: Ist in Ihren Augen die Modebranche umweltbelastend?
Braungart: Dadurch, dass die Menschen sich körpernah ausdrücken und sich somit differenzieren können, brauchen sie keine großen Statussymbole wie z.B. ein großes Auto oder eine große Villa. Die Modebranche ist für die Umwelt das Beste. Natürlich verursacht die Herstellung der Textilien die Hälfte aller industriellen Abwasserprobleme weltweit, aber hier arbeiten auch 15 Mal mehr Menschen als in der gesamten Automobilindustrie. D.h. die Textilindustrie verwendet ein Drittel aller Chemikalien, die überhaupt in unserer Welt verwendet werden. Natürlich ist sie damit auch umweltbelastend, solange sie nicht nach Cradle to Cradle gedacht ist. Eben ein bisschen weniger schädlich. Ein bisschen Arbeitsschutz hier und ein bisschen Kläranlage dort, dann ist sie trotzdem nicht gut für die Umwelt.

Männerland: Sehen Sie in der Modebranche Potenzial, umweltfreundlicher zu werden?
Braungart: Ja, auf dem besten Weg ist im Moment ein Masterstudiengang in Berlin, »Sustainability in Fashion« von Friederike von Wedel-Parlow. Und daran haben sich inzwischen viele Labels gebildet. Ich bin da doch überrascht, wie viele modebewusste junge Leute, vor allem auch junge Männer, ankommen und sagen: »Ich möchte nicht mit Sondermüll durch die Gegend laufen! Ich möchte gesunde Dinge haben. Wenn ich es auf der Haut trage, dann muss es auch so gemacht sein, dass es auf der Haut zu tragen ist!« Ich bin da sehr optimistisch, weil die Designer stolz auf sich sein wollen. Und auf Sondermüll kann man auf Dauer nicht stolz sein!

»Das erste ist es, wirklich gesunde Kleidung zu haben.«

Männerland: Worauf achten Sie beim Kauf Ihrer Garderobe?
Braungart: Da die Textilien im Moment nicht für uns gemacht sind, ist es das Beste, Secondhand-Kleidung zu kaufen. Wenn man es vergleicht, sind nicht mal mehr 20% der Schadstoffe in getragener Kleidung drin. Wenn sie etwas neu kaufen, rate ich dazu, die Sachen erst mindestens dreimal zu waschen. Zunächst ist es aber wichtig, dass die Leute ihre Haut nicht zu Markte tragen und darüber krank werden. Denn die Hautreizungen und Sensibilisierungen bleiben. Und wenn die Leute sich in ihrer Haut nicht wohlfühlen, dann sind sie sonst auch nicht gut zu anderen Menschen. Das Erste ist es, wirklich gesunde Kleidung zu haben.

Männerland: Gibt es für Sie im Bereich (Männer-)Mode irgendwelche Punkte, die Sie besonders ärgern?
Braungart: Wenn man sich über jedes schlechte Design ärgern würde, dann käme man da gar nicht mehr raus. Es ist eher so, dass ich sage, es braucht von den Männern aus noch viel mehr Verständnis für die Wichtigkeit von Mode. Die Männer sind zu sehr nach außen auf Statussymbole aus. Weil sie sich zu wenig um ihre eigene Fähigkeit kümmern, sich als Menschen auszudrücken. Und in der Welt, die zu sehr auf Optik aus ist, sind die Männer dann die Verlierer. Denn der erste Eindruck macht halt vieles aus. Kleider machen Leute und darum kann ich diesen jungen Männern erst noch viel mehr Modebewusstsein wünschen. Aber natürlich auch, dass sie selber Designer werden. Das ist teilweise wirklich verheerend, wie wenig junge Männer tatsächlich im Design tätig sind. Und ich kann nur dazu raten. Denn als junger Designer trifft man die tollsten Frauen (grinst).

Prof. Dr. Michael Braungart
Prof. Dr. Michael Braungart

Männerland: Was ist für Sie das perfekte (Männer-)Outfit?
Braungart: Es gibt keinen Standard dafür. Für jede Kultur und für jede Generation ist es auch verschieden. Es gibt ja kein »one-size-fits-all«. Es ist eher wichtig wirklich zu sagen, ich will wirklich Dinge haben, die umfassend schön sind. Und es ist nicht schön, wenn es Menschen krank macht. Es ist auch nicht schön, wenn die Leute kein Auskommen damit haben. Ich glaube, dass wir in Zukunft das Aussehen viel mehr noch selber bestimmen können. Und wir werden z.B. auch im Bekleidungsbereich neue Produktionen erleben, weil z.B. die Klebeverbindungen so viel interessanter sind als zusammengenähte Dinge.

»Ich kann Euch nur inspirieren. Ich bin nicht der, der Euch sagt, was Ihr zu tun habt.«

Männerland: Bei vielen Ihrer Veranstaltungen tragen Sie rote bzw. rot gemusterte Krawatten. Hat das einen bestimmten Grund?
Braungart: Das Rot ist die beste Farbe. Diejenige, die am leichtesten kompostierbar im biologischen System ist. Das ist der Ausgangspunkt, ganz klar. Es gibt kein Grün, es gibt kein Schwarz im Textilbereich, dass wirklich geeignet ist. Und natürlich ist es ein Signal zu sagen: »Leute, ich habe nicht die Weisheit gepachtet, ich bin auch nicht der Perfekte. Ich kann Euch nur inspirieren. Ich bin nicht der, der Euch sagt, was Ihr zu tun habt. Ich möchte die Leute unterstützen in dem, was sie selber sein wollen. Weil 95% der Leute gut sein wollen, wenn sie die Chance dazu kriegen, also muss ich nichts vorschreiben.«

Natalia Schumacher-Ewald