Mannsbilder: Der Hillbilly im Herzen

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Ein Besuch bei Matthias Kauder / Blitz Compagnie

Es gibt Menschen, denen glaubt man einfach alles. Die sind so unangestrengt authentisch, dass man, auch wenn sie dir Kautabak auf die frisch geputzten Schuhe spuckten, nur verzückt mit den Augen rollen würde – eindeutig eine vom Aussterben bedrohte Art.

Matthias Kauder
Ein Besuch bei Matthias Kauder © Martin Ly

Matthias Kauder restauriert in seiner Blitz Compagnie historische Fahrräder und das finden wir mega. Wenn man ihm in seiner Werkhalle in Linden begegnet, kann man sich fast gar nicht vorstellen, dass der Mann auch in Räumen ohne von der Decke hängende Fahrräder, Backsteingemäuer oder melancholische Hintergrundmusik funktioniert. Tut er aber. Trotz der großen Werkstatt wirkt alles irgendwie wie Wohnzimmer. Das mag aber auch an Matthias liegen. Die Tätowierungen auf den Armen erinnern ein bisschen an bekritzelte Schulbänke, der volle Schnauzer an Johann Lafer. Früher noch ein Aufreger, heute absolut salonfähig. Die Zigarette wird in Rekordzeit gedreht, das Feuerzeug an der Hose angemacht, so mögen wir das. Hinter der Halle steht eine Feuertonne für die ultimative urbane Lagerfeuererfahrung, an der Wand lehnt ein Luftgewehr, zum launigen Auf-Büchsen-Ballern versteht sich. Ja klar, da kreischt das Hillbilly-Herz.

Durch die Restauration historischer Räder hat er sich eine Nische gesucht, die er deutschlandweit fast ausschließlich allein bedient. Am liebsten kümmert er sich um die Modelle von 1880 bis 1920. Alles was danach kommt, wird seinen Designansprüchen einfach nicht mehr gerecht. Außerdem mag er die Geschichte, die so ein Rad mit sich bringt. Ein echter Ästhet also. Und da gut Ding Weile haben will, dauert die akribische Aufbereitung schon in etwa ein ganzes Jahr. Aber so ein historisches Fahrrad wird von einem Jahr Wartezeit ja nun auch nicht schlechter.

Matthias Kauder
Ein Besuch bei Matthias Kauder © Martin Ly

Sowieso, findet Matthias, sollte man sich mehr Zeit lassen, er auch. Die Menschen müssen wieder Warten lernen, wir sind zu gewöhnt daran, dass alle Bedürfnisse instant befriedigt werden. Hektik und sinnlose Hast finden sich in der Werkstatt selten ein. Er hat soviel Tempo im Kopf, da braucht er im Leben einfach Ruhe. Entschleunigung als formuliertes Bedürfnis und das Üben in Beständigkeit. Er betreibt das Ganze mit einem Feinsinn und einer Leidenschaft, dass man meinen möchte, er wollte noch niemals irgendetwas Anderes gemacht haben. Das stimmt so allerdings nicht. Fast alles, was er heute in der Blitz Compagnie macht und kann, hat er sich autodidaktisch erarbeitet. Vorher war eher Punk angesagt. Straßenkind, Hausbesetzen, Herzen brechen. Einmal gegen Alles, bitte. In den Nachklängen der letzten Chaostage folgte er der Liebe nach Hannover. Dann hat er tätowiert, in der Glocksee gearbeitet und wollte Kunst studieren. Vom Punk zu Patina und Pedalen war es ein weiter Weg, der Freigeist ist geblieben. Ein bisschen Anti auch.

Schon zu Schulzeiten war »Wenn schon, dann richtig«, das Credo. Als eine Brille her musste, wurde es kein unauffälliges randloses Teil, sondern ein Nana Mouskouri-eskes Hornbrillenmodell. Das hat bis heute Bestand. Eine optische Abgrenzung von der Norm ist durchaus gewuünscht. Sogar innerhalb der verschiedenen Subkulturen, die er irgendwann durchlaufen hat. Man sollte nicht meinen, dass Punks oder Rockabillys einen so strengen Dresscode verfolgen, doch das tun sie. Zu präzise, zu eng, zu überkandidelt. Abturner.

Mit den Rädern kam der Spleen für die Jahrhundertwende und damit auch die Kleidung. Es geht dabei um Inspiration, nicht Imitation. Ein bisschen Nostalgie, aber ohne den dazugehörenden Muff. Die Kombination von modernen Basics, wie simple Blue Jeans für die Werkstatt und eine Weste aus einem Originalschnitt von 1900, importiert aus den USA, schaffen ein unverkennbares Konstrukt. Als Sahnehäubchen noch eine Schiebermütze und geknöpfte Hosenträger aus der Richtung 1940, richtig fesch. Das Kleidungsprinzip muss funktional sein, robust genug für die Arbeit, aber auch mit ästhetischem Anspruch. Zum Ausgehen dürfen dann auch mal Hochbundhosen aus dem Schrank, ebenfalls nach Schnitten um 1900 gefertigt. Der Händler seines Vertrauens dafür ist DON’T GO NAKED – auf jeden Fall ein gutes Motto.

Matthias Kauder
Ein Besuch bei Matthias Kauder © Martin Ly

Alles, was so ein Outfit komplettiert, wird nicht etwa mühselig von Flohmärkten gesammelt, sondern stammt aus dem Modeatelier von JJT Swingstyles Retrofashion. Seinen persönlichen Stil kann und mag er gar nicht richtig benennen, es ist ein Flickenteppich aus allem, was seinen Lebensweg bisher beeinflusst hat und was ihn inspiriert. Immer ein bisschen besonders, ein bisschen Jahrmarkt, ein wandelndes Sammelsurium. Seine Freiheitsliebe verbindet ihn vielleicht mit den Schaustellern vergangener Tage. Etwas nostalgische Zirkusromantik, nur eben 2014 und in einer Fahrradwerkstatt.

Er ist auch eher so der Aufträger. Kein Schaufensterbummler oder trendorientierter Rauschkäufer, vielmehr ist es ein gezieltes Suchen und Finden. Das funktioniert aber nur so gut, weil er ein konkretes Bild von sich und seinem Auftreten hat und das auch suggerieren möchte. Rein zufällig befindet er sich damit genau im Trend. Ausversehen, sozusagen. Matthias fährt übrigens kein formidables Vintagerad, sondern ein Modell aus den Achtzigern. Eine Straßenratte so grau wie Hannover. So solide, furchtbar funktional, nichts zum Schmücken, nichts zum Verstecken. Wahrscheinlich die Krux der Künstler, das Beste für dich, die Reste für mich.

Sein Blog blitzrad.de ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Er schreibt über Restaurierungen, Projekte und sammelt Photographien mit historischen Rädern – und er schreibt mindestens so interessant, wie er erzählt.

Nane Anna Bohn